Die Geschichte des
Blues....
Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Tag, dieser 14. Februar 1920. Und eine fast gewöhnliche Situation: In den New Yorker Studios der Okeh Schallplattencompany sollte ein Lied aufgenommen werden.
Eigentlich war geplant, die Aufnahme des Liedes "That thing called love" mit Sophie Tucker durchzuführen. Sie galt damals als "the First Lady of Show-Buissness". Sophie hatte keine Zeit, und so wurde eine Sängerin angefragt, die ebenfalls viel Erfolg hatte und auch mit Sophie auf der Bühne stand. Sie hatte allerdings einen Nachteil: sie war schwarz. Der Song war nicht besonders aufregend, die Aufnahmen schienen nicht besonders vielversprechend zu werden. Band und Sängerin waren nicht eingespielt, und wenn man die Aufnahme anhört merkt man, dass Sängerin und Musiker ständig das Tempo des Liedes anpassen mussten.
Aber: die Verkaufszahlen der ersten von einer schwarzen Sängerin aufgenommenen Schallplatten waren ordentlich genug, um eine weitere Aufnahmesession zu organisieren. Derselbe Komponist, dieselbe Band, die erste Vokalaufnahme in Bluesform.
Monatelang verkaufte sich der "Crazy Blues" in ca. 7500 Kopien pro Woche und offenbarte die Existenz eines Marktes, den die Plattenfirmen dann mit aller Kraft bedienten.
Von dieser Welle, die daraus entstand, wollen wir erzählen, eine Welle, die heute noch in allen Formen der populären Musik zu spüren ist.
Wenn man Blues erklären will, hat man das grundsätzliche Problem des Anfangens. Die Geschichte des Blues lässt sich erklären mit den Musikern, die er hervorgebracht hat. Aber genausogut mit den unterschiedlichen Regionen, in denen er entstand. Natürlich auch mit musikalischen Formen und nicht zu vergessen mit seinen Texten, formal und inhaltlich. Wenn wir uns den Blues als Landkarte vorstellen können wir von Norden genauso wie von Süden kommen, oder wir fangen mittendrin an und bewegen uns zickzack im Kreis. Das Problem kommt auch daher, weil es unterschiedliche Begriffe für den Blues gab, weil sich der Blues, wie wir ihn heute kennen, gleichzeitig als städtischer Blues (Urban Blues) und als ländlicher Blues (Country Blues) entwickelt hat.
Und so wird auch unser heutiger Abend eine Rundreise über die Blues-Landkarte.
Eigentlich beginnt die Reise auf der Blues-Landkarte in Afrika. Genauer in Westafrika, in Ländern, die heute Mali, Senegal, Ghana, Nigeria usw. heißen. Von dort kamen seit dem 17. Jh. die Sklaven, die nach Amerika verschleppt wurden. Deren Musik war zum einen geprägt durch Trommeln und Tanz, aber es gab auch eine "höfische" Musikkultur mit Melodieinstrumenten wie Kora (eine 22-saitige Kürbisharfe) oder N'Goni, eine drei- bis fünfsaitige Laute mit Resonanzfell. Diese Musik wurde von Griots gespielt und weitergegeben. Die männlichen Griots und ihr weibliches Gegenstück, die Griottes, sind die Bewahrer der Geschichte, oralen Literatur und Musik ihrer Völker. Sie singen Preislieder zum Lob ihres Auftraggebers, erzählen Geschichten mit historischen, mythologischen oder satirischen Inhalten und unterhalten oder belehren dabei. Dazu begleiten sie sich auf Instrumenten. Bei vielen Zeremonien war die Anwesenheit eines Griot erforderlich. Der Beruf wurde in der Regel innerhalb der Familie weitergegeben, berühmte Griot-Familien wie Jobarthe oder Kouyate gibt es heute noch. In deren Musik ist die Tonleiter des Blues begründet.
Und was ist nun das besondere an dieser Tonleiter? Grob gesprochen besteht sie aus einer Moll-Pentatonik (vorspielen) mit Zusatztönen, den sogenannten Blue Notes. Diese Töne sind in der europäischen Tonleiter nicht vorhanden und somit für einen Europäer erst einmal wesensfremd. Aber auch die Bluessänger afrikanischer Abstammung verwenden die Blue Notes nicht streng definiert. Es gibt durchaus Unterschiede.
Zwischenbemerkung: Auch der exotische Klang arabischer oder indischer Musik ist begründet im Vorhandensein von Tonhöhen und Intervallen, die es in der europäischen Musik nicht gibt.
Aus der Verwandtschaft der Bluestonleiter mit der europäischen Molltonleiter haben viele Menschen im Blues etwas trauriges oder melancholisches gesehen. Das stimmt für die afrikanische Kultur natürlich nicht. Die Tonleitern sind da eher emotionsneutral.
Und was genau ist ein Bluesschema? Na ja, diese Frage kennt 2 Antworten. Machen wir erst mal die schwierige Antwort: es gibt unzählige verschiedene Bluesschemen, und heute Abend werdet ihr einige davon kennenlernen. Die einfache Antwort heißt, es gibt ein 12-taktiges Bluesschema, mit dem grob geschätzt mehr als 90% aller Bluessongs daherkommen.
Das Standard-Blues-Schema ist der 12-taktige Blues (12-bar blues) der in der Barform AAB verfasst ist: Die erste Zeile des Songs dauert vier Takte; sie wird in den nächsten vier Takten wiederholt, bevor dann die abschließende Zeile in den letzten vier Takten erfolgt. Das Schema basiert auf den Akkordfolgen der I. Stufe Tonika, der IV. Stufe Subdominante und der V. Stufe Dominante. Auf vier Takte Tonika folgen je zwei Takte Subdominante und Tonika, je ein Takt Dominante und Subdominante und wieder zwei Takte Tonika. Das Schema in Form eines Chordsheets:
|| I | I | I | I | IV | IV | I | I | V | IV | I | I ||
Als drittletzter Akkord kann statt der Subdominante auch die Dominante gespielt werden.
Dieses Bluesschema ermöglicht es Musikern, immer mitspielen zu können und Jamsessions abhalten zu können.
Aber zurück in die Frühzeit der Sklaverei. Damals gab es noch keinen Blues. Die Sklaventreiber betrachteten die schwarzen Menschen als ihren Besitz. Und sie haben sich einiges einfallen lassen, dass diese unterpriviligierten Zustände auch erhalten blieben. Menschen aus gleichen Stämmen wurden getrennt, somit konnten sie nicht gemeinsame Gegenstrategien bilden. Sie hatten keinerlei Besitz, also auch keine Musikinstrumente, sie konnten ihre Kultur nicht ausführen. Musik war verboten. Einzig erlaubt waren sogenannte Holler. Das waren call and response-Gesänge, die bei der gemeinsamen Feldarbeit den Arbeitstakt vorgaben. Bis in die 1940er Jahre gab es die noch in den Gefängnissen der Südstaaten.
Wir sind immer noch bei den Voraussetzungen, die den Blues entstehen ließen. Als kurze Zusammenfassung kommt jetzt eine kleine Zeittafel-Übersicht:
Anfang 17. JH: erste schwarze Sklaven komme nach Virginia
1807 wrd die Sklaverei offiziell abgeschafft, in den Südstaaten jedoch fortgeführt
1831 erster Sklavenaufstand um Nat Turner
1843 erste Minstrel Show, derbe Revue in der Schwarze von angemalten Weißen verspottet wurden
1851 Onkel Toms Hütte, dadurch eine Bewusstseinsveränderung zugunsten der Schwarzen durch bürgerlich-liberale Kreise
1861 - 1865 Bürgerkrieg (Sezessionskrieg) Am Ende endgültige Abschaffung der Sklaverei
1865 Gründung des Ku-Klux-Klan
1898 Hawaii wird amerikanisch
1899 Ragtime (Scott Joplin)
Wie gesagt, 1807 wurde die Sklaverei in Amerika offiziell abgeschafft. In den Südstaaten ging sie aber weiter. Ohne Sklaven wäre die Bewirtschaftung der Baumwollfelder und anderer Agrarzweige gar nicht zu schaffen gewesen. Und dennoch startete auch bei den weißen Großgrundbesitzern ein Bewusstseinsprozess. Sicherlich gab es liberalere und weniger liberale "Herren". Sicherlich hatten einige von ihnen auch große moralische Bedenken, Menschen als Sklaven zu halten. Also gab es Farmen, bei denen es liberaler zuging als bei anderen, Farmen, bei denen ein Austausch zwischen schwarz und weiß stattfand. Musikalisch begabten Sklaven wurde mitunter erlaubt, für die anderen zur Unterhaltung aufzuspielen. Vielleicht gab es auf der Farm (dann europäische) Instrumente, und die Musik, die dabei gespielt wurde, war ein Mischmasch aus allen möglichen Einflüssen europäischer und afrikanischer Herkunft. So entstanden auch Spirituals.
Ein ganz wichtiges Jahr war 1865. Der amerikanische Sezessionskrieg endete mit der Niederlage der Südstaaten, die Sklaverei war endgültig abgeschafft. Die Sklaven waren frei. Einige von ihnen gingen in die großen Städte, andere blieben auf den Farmen, immer noch in ärmlichen Verhältnissen, aber sie bekamen, wenn auch einen kärglichen, Lohn. Schwarze Amerikaner konnten am Konsum teilnehmen, und somit begann so etwas wie schwarze Kultur, also nicht nur schwarze Künstler, sondern auch schwarze Kunstkonsumenten wurden ernsthaft wahrnehmbar.
Fassen wir also zusammen und betrachten uns das Jahr 1890, 30 Jahre vor der ersten "schwarzen" Plattenaufnahme und 25 Jahre nach Ende der Sezessionskriege:
Die Sklaverei war abgeschafft. Dennoch herrschte eine strikte Rassentrennung. Im Süden war den Schwarzen das Wahlrecht wieder abgesprochen worden. Die schwarze Bevölkerung entwickelte trotz drohender oder existierender Verelendung ein neues Selbstbewusstsein, vor allem auch auf kultureller Ebene. Sie gründeten eigene Schulen und Kirchen. Das war der Beginn schwarzer Kunstformen.
In den Kirchen entstanden Spirituals.
In den großen Städten entstand der Ragtime und der Vaudeville-Blues (als Vorläufer des Jazz)
Auf dem Land entstanden Folksongs, Balladen und der Country-Blues.
Gab es denn Einflüsse aus Deutschland bei der Entstehung des Blues? Ja, wenn auch nur indirekt. Der größte Einfluss kam aus Trossingen, in Form eines kleinen, intuitiv zu erlernenden und billigen Musikinstruments: der Mundharmonika.
Wir erinnern uns: die schwarze Bevölkerung verfügte um 1900 über ein Einkommen, auch wenn es nicht sehr hoch war. Gleichzeitig war das Bedürfnis nach Unterhaltung und kultureller Idendität vorhanden. Also entstand eine Musik, die aus der Nachbetrachtung her geprägt war durch einfache Instrumente, afrikanisch geprägten Tonleitern und Ausdrucksmitteln, europäischer Harmonik und Struktur und einer großen Portion Zufall und Mixturen regionaler Unterschiede.(Beispiel: das Akkordeon in französisch dominierten Landesteilen, daraus entstehend der Cajon-Blues)
Später gab es eine Renaissance dieser Musik auf einfachsten Instrumenten. Man nannte es Skiffle und war in England der Beginn mit der Beschäftigung alter Musik. Zur Folge hatte das die Entstehung von Beat-Musik (die erste Lennon-McCartney-Band war eine Skiffle-Band) und ein Blues-Revival, ohne das unsere moderne aktuelle Musik völlig anders aussehen würde.
Auch damals um 1920 gab es Skiffle-Ansätze, also Musik in Bands mit einfachen und billigen Instrumenten. Ein ganzes Genre entstand, die sogenannten Jug-Bands. Sie spielten alle Arten von Musik und sind einer von mehreren Verbindungssträngen vom Blues zum Jazz.
Diese wilde Mischung aus allem und nichts ist symptomatisch für die Entstehung des Blues. Die Menschen damals hörten und spielten nahezu alles, die Vorstellung vom einsamen Bluessänger, der durch die Lande zog und seinen sentimentalen Blues zum besten gab, ist historisch falsch. Die Musiker waren eher Songster, die auch Blues spielten, aber auch alle Arten anderer populärer Musik. Somit spielt auch jetzt wieder das Medium Schallplatte eine starke Rolle bei der Entstehung dessen, was wir heute Blues nennen. Die Schallplattenfirmen wollten genau diese Musik von Schwarzen für Schwarze, damit ließ sich Geld verdienen. Die anderen Lieder der Sänger waren für die kommerzielle Verbreitung eher uninteressant.
Um 1910 hatte sich das Wort „Blues“ zum allgemeinen Sprachgebrauch entwickelt. Sängerinnen wie BessieSmith, Ma Rainey oder Alberta Hunter machten den Blues unter den Afroamerikanern sehr populär. Der schwarze Musiker und Komponist W. C. Handy(1873–1958) trug wesentlich dazu bei, den Blues populär zu machen. In der Zeit von 1911 bis 1914 wurde durch die Veröffentlichung von Handys „Memphis Blues“ (1912) und besonders seines „St. Louis Blues“ (1914) das Interesse vieler Menschen geweckt. Als einer der ersten notierte und arrangierte er Bluesstücke für Musiker und Sänger. Morton Harvey nahm den Memphis Blues als erste Vokal-Bluesplatte bei Victor Records (Nr. 17657) auf, veröffentlicht im Januar 1915. Aber: das war nicht Blues wie wir ihn heute Abend kennen gelernt haben. Das war Blas- und Marschmusik in Bluesform.
Im Jahre 1927 nahm Big BillBroonzy seine erste Schallplatte auf und war neben Blind Lemon Jefferson, Tampa Red und Blind Blake wegweisend für den gitarrenlastigen Folkblues der folgenden Jahre. Und diese Art von Blues ist das, was ihr heute hört. Zwischen 1915 und 1930 gab es 2 große Strömungen im Blues, der Country-Blues, der in den elektrifizierten Chicago-Blues mündete, und den Urban Blues, der zielstrebig in Richtung Jazz ging.
Es folgte die Zeit der ersten Stars der Bluesszene. Charley Patton war so einer. Sein Gitarrespiel war wild und unregelmäßig (so unregelmäßig, dass wir keins seiner Lieder im Programm haben), seine Stimme tief und vor allem laut. So übertönte er in Kneipen und an Straßenkreuzungen alle und alles. Er galt als erster auch kommerziell sehr erfolgreicher Superstar der neuen CountryBluesSzene. Charismatisch, gutaussehend, verwegen, ein Mischling mit weißen und indianischen Einflüssen (wie Jimi Hendrix) und ein Frauenheld. Der Kritiker Robert Santelli schrieb über ihn: „Pattons Bedeutung in der Geschichte des Blues ist immens; kein Country-Blues-Musiker, außer Blind Lemon Jefferson, übte einen größeren Einfluss auf die Zukunft des Genres und die nachfolgende Generation von Stilisten aus als Patton. Jeder, von Son House, Howlin’ Wolf, Tommy Johnson und Robert Johnson bis hin zu Muddy Waters, John Lee Hooker und Elmore James kann seinen Blues-Stil auf Patton zurückführen.
Als wichtigste Gestalt des Delta-Blues gilt vielfach Robert Johnson, allerdings war er innerhalb des Country- bzw. Delta-Blues eine bedeutungslose Figur, sein Ruhm geht ausschließlich zurück auf die Phase der Wiederentdeckung des Blues durch das weiße Publikum in den 1950er und 1960er Jahren. Als Vater des Delta Blues und zentrale Figur wird jedoch häufig Charley Patton angeführt, der viele spätere Interpreten entscheidend beeinflusste.
Einschneidende Konsequenzen für die Entwicklung des Blues hatte die Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1933, denn sie bedeutete auch den völligen Zusammenbruch des Schallplattenmarktes. Von der Vielzahl der kleineren Firmen, die in den 1920er-Jahren die Entwicklung des klassischen Blues getragen hatten, blieb kaum eine übrig. Die großen Plattenfirmen produzierten jedoch ausschließlich für den nationalen amerikanischen Markt, nahmen also auch nur noch solche Musiker unter Vertrag, die sich von den regionalen Traditionen des Blues und seinem jeweiligen sozialen Hintergrund weitgehend gelöst und ihn zu einer Form der Unterhaltungsmusik gemacht hatten, die sich überregional vermarkten ließ.
Blieb schon das nicht ohne Folgen, so zeichnete für die nun einsetzende Verflachung und musikalische Standardisierung vor allem aber der Umstand verantwortlich, dass die Bluesproduktion im Wesentlichen in den Händen von nur zwei Männern lag, die zugleich auch als Verleger tätig waren:
- MAYO WILLIAMS (1894–1980) als Produzent für die Blues-Serien von „Decca“ und
- LESTER MELROSE (1896–1971), der gleichzeitig für die „RCA Victor“ und für die spätere „Columbia“ arbeitete.
Sie waren es auch, die in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre bei ihren Aufnahmen die Begleitbands um Bläser, vor allem um Alt- und Tenorsaxophon sowie Klarinette, erweiterten und an den damals vorherrschenden Swing-Sound anzupassen suchten. Damit war der Grundstein für eine Swing-Version des Blues gelegt, die sich dann besonders im Mittleren Westen der USA (Kansas City) entwickelte und auch als Jump Blues bezeichnet wird.
Anfang der 1940er-Jahre führten der Zweite Weltkrieg und die rasch angekurbelte Rüstungsindustrie erneut zu einer Welle des Zustroms der afroamerikanischen Bevölkerung aus dem Süden in die Arbeitsplätze versprechenden Großstädte des Nordens. Neben New York und den Großstädten an der Ostküste sammelten sich die Musiker vor allem in Chicago. Hier war nach der Aufhebung der Prohibition 1933 und damit der Legitimation jener Unzahl von Kneipen und Clubs des vorher verbotenen Alkoholausschanks eine Musikszene entstanden, deren Traditionen bis weit in die 1920er-Jahre zurückreichten (Chicago Jazz). Chicago gehörte zu den Zentren der amerikanischen Musikindustrie.
Auch das Imperium der Bluesproduktion von MAYO WILLIAMS und LESTER MELROSE war hier angesiedelt. Mit dem Zustrom von afroamerikanischen Volksmusikern gewannen die ländlichen Spielweisen des Country Blues wieder an Bedeutung, vollzog sich eine Rückkehr zu den expressiven Ausdrucksformen des volksmusikalischen Blues. Das wichtigste Kennzeichen für diesen Chicago Blues der 1940er-Jahre aber wurde der Einsatz der elektrisch verstärkten Gitarre, die die volksmusikalischen Einflüsse in ein großstädtisches Bluesidiom umschmolz.
Einer unserer Favorites aus dieser Zeit: Jimmy Reed
Reed schrieb die meisten Titel selbst. Er konnte sie jedoch nicht auswendig, sondern hatte meistens seine Frau „Mama Reed“ bei den Aufnahmesessions dabei. „Gib mir den Text, Mama Reed“ bat er sie, und ihre geflüsterte Soufflage ist etwa in You Got Me Dizzy schwach zu hören. Reed spielte Gitarre und Mundharmonika zugleich (die Harmonika war mit Hilfe eines Gestells um seinen Hals befestigt, ähnlich wie später bei Bob Dylan). Während Reed für den Boogie-Rhythmus auf der Gitarre sorgte und ein Harpsolo blies, spielte Eddie Taylor auf der Leadgitarre markante Blueslicks und Riffs, die in die Popgeschichte eingehen sollten. Reeds Vortrag war locker und leicht, eher distanziert und nicht so intensiv oder aufdringlich wie der anderer zeitgenössischer Bluesinterpreten. Eddie Taylor hat mit seiner Rhythmus- und Bassgitarre die meisten Sessions im Trio bestritten und war mitverantwortlich für den typischen Jimmy-Reed-Sound. Taylor war die treibende Kraft beim Erfolg von Reed. Reed war für Vee Jay der konstanteste Verkaufserfolg, zumal seine Platten ab 1957 fast regelmäßig auch als Crossover in die Pop-Hitparade kamen. Reed erreichte mit seinem entspannten Stil eine größere Zuhörerschaft als viele Interpreten von den legendären Chess Records.
Der Blues wäre das geblieben, was er damals war: eine Nischenmusik für Afro-Amerikaner. Es sollte anders kommen. Und das begann in England. Die Skiffle-Musik wurde in den 50ern populär.
Mama don't allowAber einigen der jungen Wilden war das nicht genug. Sie begaben sich auf Spurensuche. Viel Material gab es in England nicht, aber viel Interesse. Ein Bursche namens Alexis Korner, 1928, multikulturell (Vater jüdisch-östereichisch, Mutter griechisch) kam über Jazz (er spielte in Chris Barbers Jazzband Banjo) und Skiffle zum Blues. 1961 gründete er seine Band Blues Incorporated, und die Hälfte aller frühen Stars kamen aus genau dieser Band: die Stones, Cream, Colloseum, Manfred Manns Earthband und viele andere.
Der andere war John Mayall. Geboren 1933, sein Vater war Jazzmusiker. Aus den Bluesbreakers kamen mit Eric Clapton und Peter Green die besten englischen Gitarristen hervor, aber auch andere hervorragende Musiker wie John McVie, Mick Fleetwood, Keef Hartley und viele, viele andere.
Der Rest ist schnell erzählt: Von England aus kehrte der Blues zurück in das Bewusstsein der weißen Amerikaner. Der British Blues Boom gilt als Initialzündung für alle folgenden Entwicklungen der modernen Rock- und Popmusik. Die Rückbesinnung auf den Blues, das Interesse an der Herkunft dieser Musik, das Erkennen der Gemeinsamkeiten in R'n'B, R'n'R, Soul und quasi allen anderen musikalischen Spielarten ermöglichte dann auch den alten Sängerinnen und Sängern, noch einmal ins Rampenlicht zu treten und die Anerkennung zu erlangen, die ihnen zusteht. Und deshalb sind auch wir und ihr heute da.
„The blues is the roots; everything else is the fruits.“
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